

Mit den ersten warmen Tagen zieht es Hobby-Sportler wieder vermehrt nach draußen: Laufen, Radfahren, Yoga im Park. Vor und nach dem Sport wird gedehnt – oft ausgiebig, oft aus Gewohnheit. Aber bringt das wirklich etwas? Und hilft Dehnen auch gegen Rückenbeschwerden? Eine aktuelle Auswertung von Prof. Dr. Jan Wilke, Leiter des Lehrstuhls für Neuromotorik und Bewegung an der Universität Bayreuth und Experte der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V., räumt mit gängigen Mythen rund ums Dehnen auf. „Dehnen ist auch für den Rücken kein pauschales Allheilmittel. Es sollte sinnvoll und gezielt eingesetzt werden“, fasst Wilke zusammen. Die Forschung liefert konkrete, praxisnahe Empfehlungen für Alltag und Sport.
Dehnen gehört für viele zum Sport wie das Aufwärmen oder die Trinkflasche. Doch wann, wie lange und mit welcher Technik gedehnt werden sollte, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Prof. Wilke und sein internationales Forscherteam haben dazu aktuelle wissenschaftliche Studien analysiert und konkrete Empfehlungen abgeleitet.
Mythos 1: Je intensiver, desto besser
Mehr ist nicht automatisch besser. Das gilt sowohl für die Intensität des Dehnens als auch für die Beweglichkeit selbst. Wie viel Dehnen tatsächlich hilft, hängt von Ziel, Methode und Dauer ab. „Allgemein gilt: Wenn es um den langfristigen Erfolg geht, ist Regelmäßigkeit wichtig. Wer die Effekte erhalten will, muss mehrmals die Woche dehnen“, rät Prof. Wilke. Und selbst wer beweglicher wird, hat seinem Rücken damit nicht automatisch etwas Gutes getan. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein flexibler Körper weniger anfällig für Rückenbeschwerden ist, doch Beweglichkeit ohne Muskelstärke kann sogar nachteilig sein: Das Ungleichgewicht erzeugt Stabilitätsprobleme und belastet den Rücken zusätzlich. Für einen gesunden Rücken zählt die Kombination aus Flexibilität und muskulärer Stabilität.
Mythos 2: Dehnen vor dem Sport beugt Verletzungen vor
Studien zeigen, dass Dehnen keinen verlässlichen Schutz vor Verletzungen bietet. Untersuchungen deuten sogar darauf hin, dass statisches Dehnen vor Belastung die Kraft vermindern könnte. Vor allem für schnelle oder explosive Sportarten ist dies von Nachteil. „Direkt vor dem Sport gilt: Wer sich dehnen möchte, sollte eher dynamisch federnde Stretches wählen oder beim statischen Dehnen die Dauer sehr kurz halten“, rät Prof. Wilke. „Alternativ tut es in vielen Fällen auch ein allgemeines Warm-up ohne Dehnübungen.“ Zehn bis fünfzehn Minuten Übungen wie Ausfallschritte, Beinpendel oder Armkreisen genügen, um den Körper gezielt auf die Belastung einzustimmen. Statisches Dehnen entfaltet seine Wirkung besser unabhängig vom eigentlichen Training, zum Beispiel in separaten Stretch-Einheiten. Bei sehr langen Dehndauern von mindestens sieben Minuten und fünf Einheiten pro Woche lassen sich so die Muskelsteifigkeit reduzieren und die Gefäßelastizität verbessern.
Mythos 3: Dehnen fördert die Regeneration
Dehnen nach dem Sport verringert Muskelkater nicht und beschleunigt auch nicht die Regeneration, wie viele glauben. Besonders nach intensiver Belastung der Rückenmuskulatur, etwa nach schwerem Heben, langer Gartenarbeit oder einem ausgedehnten Lauf, kann statisches Dehnen die beanspruchten Muskeln sogar zusätzlich reizen und Beschwerden verstärken. „Wer nach dem Sport bewusst zur Ruhe kommen möchte, profitiert eher von Massagen, kalt-heißen Wechselduschen oder ruhiger Atmung, wodurch der parasympathische Anteil des vegetativen Nervensystems aktiviert wird“, so Prof. Wilke. Für die Regeneration empfiehlt er zudem ausreichend Schlaf sowie leichte Bewegung im schmerzfreien Bereich, z. B. lockeres Radfahren oder ein ruhiger Spaziergang, die die Rückenmuskulatur sanft mobilisiert.
Mythos 4: Dehnen korrigiert Fehlhaltungen
Wer Dehnübungen einsetzt, um Fehlhaltungen zu korrigieren, greift meist zum falschen Mittel. Ein klassisches Beispiel ist der Rundrücken: Hier kommt man mit Dehnen der vorderen Schulter- und Brustmuskulatur allein kaum weiter. Entscheidend ist, die Rücken- und Rumpfmuskulatur gezielt zu kräftigen, um der Wirbelsäule eine dauerhafte aufrechte Haltung zu ermöglichen. „Verspannungen und Haltungsprobleme durch Dehnen zu lösen, ist wie Symptombehandlung: Es fühlt sich kurz besser an, aber die Ursache, eine zu schwache Muskulatur auf der nachgebenden Seite, bleibt bestehen“, stellt Prof. Wilke klar. Dehnen kann ergänzend helfen, etwa um akute Verspannungen zu lindern – als Hauptmaßnahme gegen Haltungsprobleme ist es jedoch nicht geeignet.
Mythos 5: Dehnen ist für die Beweglichkeit besser als Faszienrollen
Wer Rückenproblemen vorbeugen und beweglicher werden möchte, sollte nicht nur die Muskulatur, sondern auch die Faszien bearbeiten: Jene Bindegewebshülle, die jeden Muskel umgibt und mehr Schmerzrezeptoren enthält als der Muskel selbst. Durch Bewegungsmangel, Fehlbelastung oder Stress verlieren sie an Elastizität und Gleitfähigkeit, was Verspannungen und Beschwerden im Rücken begünstigen kann. „Sich mit einer Hartschaumrolle auszurollen, kann die Beweglichkeit ähnlich verbessern, wie klassisches Dehnen oder Krafttraining“, erklärt der Sportwissenschaftler. Wichtig ist – langfristig betrachtet – jedoch auch hier die regelmäßige Anwendung. Für einen dauerhaft gesunden Rücken empfiehlt Prof. Wilke ein ganzheitliches Training, in dem Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Erholung zusammenwirken.
Während die Kosten im Gesundheitswesen steigen und aktuell über Einsparungen bei Gesundheitsausgaben diskutiert wird, gerät ein wichtiger Bereich immer wieder unter Druck: die Prävention. Dabei zeigen Studien und Erfahrungen seit Jahren, dass jeder Euro, der in Prävention investiert wird, langfristig deutlich höhere Behandlungskosten vermeiden kann. Gleichzeitig werden aktuell verschiedene Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem geprüft, während Experten weiterhin mehr Investitionen in Gesundheitsförderung fordern.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Wie können wir bei Prävention sparen?“, sondern: „Wie können wir verhindern, dass Menschen überhaupt krank werden?“
Rückenbeschwerden, Nackenschmerzen, Gelenkprobleme oder Bewegungsmangel entstehen selten über Nacht. Meist entwickeln sie sich über Jahre durch sitzende Tätigkeiten, einseitige Belastungen oder fehlende Bewegung. Werden diese Ursachen früh erkannt, lassen sich viele Beschwerden vermeiden, bevor sie zu längeren Ausfallzeiten oder aufwendigen Therapien führen.
Genau hier setzt moderne Physiotherapie an. Prävention bedeutet, Risiken frühzeitig zu erkennen, Bewegungsabläufe zu optimieren und den Körper belastbarer zu machen. Das schützt nicht nur die Gesundheit, sondern erhält auch Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit bis ins hohe Alter.
Physiotherapeut:innen begleiten Menschen aus Hamburg, dabei, aktiv etwas für ihre Gesundheit zu tun. Unser Ziel ist es nicht nur, Schmerzen zu behandeln, sondern sie möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.
Denn am Ende bleibt eine einfache Wahrheit: Die beste Therapie ist oft die, die gar nicht erst notwendig wird. Prävention ist deshalb keine Ausgabe – sie ist eine Investition in Gesundheit.
Eine aktuelle Studie zur Blankoverordnung in der Physiotherapie zeigt: Mehr Entscheidungsspielraum für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten führt zu messbar positiven Behandlungsergebnissen sowie hoher Patientenzufriedenheit. Die Untersuchung erweitert die bislang stark kostenorientierte Diskussion in der Öffentlichkeit um einen entscheidenden Aspekt – den konkreten Nutzen für Patientinnen und Patienten.
Seit dem 1. November 2024 ist die sogenannte Blankoverordnung in der Physiotherapie für etwa 100 Diagnosen rund um das Schultergelenk ein Teil der physiotherapeutischen Regelversorgung. Erstmals können Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten eigenständig über Art, Umfang und Dauer der Behandlung entscheiden. Im Rahmen einer Studie haben die Universität zu Lübeck in Kooperation mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg im Zeitraum von Juli 2025 bis Mai 2026 die Blankoverordnung und ihre Auswirkung auf die Patient*innenversorgung analysiert.
Nun liegen erste Ergebnisse zur Versorgungsqualität vor. Sie zeigen, dass sich Patientinnen und Patienten unter Bedingungen der Blankoverordnung signifikant verbessern:
Sie haben oft unterschiedliche Handschriften, befinden sich manchmal irgendwo, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind und es plagen sie häufig Ängste – vor allem bei Dunkelheit. „Menschen mit einer DIS (Dissoziativen Identitätsstörung) haben multiple Persönlichkeiten und finden all das ganz normal, denn sie kennen es nicht anders – es ist ihr „Normalkonzept““, beschreibt Stephanie Knagge, Ergotherapeutin im DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.), die Situation von Menschen mit DIS. Betroffenen wird erst dann bewusst, dass bei ihnen vieles völlig anders ist, wenn sie sich mit anderen Jugendlichen oder Erwachsenen austauschen. Verwundert stellen sie dann fest, dass das, was für sie selbstverständlich ist, sich bei allen anderen anders verhält. Menschen mit den genannten Schwierigkeiten finden Hilfe bei Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen und Ergotherapeut:innen, die auf dieses Störungsbild spezialisiert sind.
Einer dissoziativen Identitätsstörung gehen in aller Regel schwere traumatische Erlebnisse in der sehr frühen Kindheit voraus. In der Folge kommt es nicht zu einer Entwicklung einer Gesamtpersönlichkeit. Stattdessen entwickeln sich mehrere Persönlichkeitsanteile in ein und demselben Kinderkörper, weshalb man die Störung früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bezeichnete. Diese „Strategie“, Persönlichkeiten abzuspalten, die eigenständig handeln, ist ein Schutzmechanismus, um schlimme, traumatisierende Situationen aushalten zu können. Die entstandenen Persönlichkeiten haben unterschiedliche Charaktere, oft auch unterschiedliche Geschlechter und ein jeweils eigenes Alter, was neben anderen Dingen und Verhaltensweisen auch die Vielzahl von Handschriften erklärt, die sich oft zeigen, wenn sich nach außen eine andere Persönlichkeit offenbart als die, die die meiste Zeit als „Frontmann“ oder „Frontfrau“ auftritt.
Ergotherapeut:innen beleuchten alle Lebensbereiche des Alltags von Menschen mit DIS
Während Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen mit den Betroffenen an deren Traumata und weiteren Verhaltensschwierigkeiten oder psychischen Problemen wie Gedächtnisschranken und -lücken arbeiten, ist der Part von Ergotherapeut:innen die Bewältigung des Alltags. „Alltag“ mag sich zunächst lapidar anhören. Unter Alltag verstehen Ergotherapeut:innen all das, was jede Sekunde des Lebens ausmacht: Alltag umfasst sämtliche Aktivitäten, die jeder Mensch tun muss und tun möchte. Der Alltag ist bei Menschen mit DIS besonders wichtig, da sie immer wieder in Situationen geraten, die ihr tägliches Leben durcheinanderbringen. Bei Ergotherapeut:innen ist es üblich, zu Beginn ihrer Intervention eine Betätigungsanalyse zu erstellen, um den Alltag der Patient:innen, die sie im Übrigen als Klient:innen bezeichnen, kennenzulernen. „Wir beleuchten alle Lebensbereiche, erfragen, was jeden Tag stattfindet und dabei zeigen sich die typischen Schwierigkeiten und Einschränkungen, die mit einer DIS einhergehen“, erklärt Knagge und führt einige Beispiele auf: Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder Joggen ist oft in der Dunkelheit zu beängstigend, Friseurbesuche oder andere Aktivitäten wie etwa öffentliche Verkehrsmittel nutzen kosten meist immense Überwindung, weil Betroffene in engen Kontakt mit anderen kommen könnten, was sie triggern kann; sie vermeiden das aufgrund des Gefühls ausgeliefert zu sein ebenso, wie sie Untersuchungen bei Ärzt:innen und Zahnärzt:innen umgehen und vieles mehr.
Sekundäre Folgen plus die tatsächliche Erkrankung „DIS“ behandeln führt zur Heilung
Für Menschen, die solche oder ähnliche Befindlichkeiten und Schwierigkeiten im Alltag haben, ist es empfehlenswert, sich bei spezialisierten Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen vorzustellen. Dort lässt sich anhand von Testungen klären, ob eine DIS vorliegt oder ob die bestehenden Probleme auf etwas anderes zurückzuführen sind. Auch wenn die Behandlung einer DIS langwierig und belastend ist, so ist dies dennoch die bessere Alternative. „Es ist ein Irrglaube, man könne die Folgen einer solchen Störung auf sich beruhen zu lassen“, klärt die Ergotherapeutin Knagge auf. Aus den Krankengeschichten ihrer Klient:innen geht hervor, dass diese immer, teils sehr ernste psychische oder physische Erkrankungen hatten oder noch immer haben: Schwere Depressionen, Suizidgedanken, Krebs, Lähmungen, die sich nicht auf körperliche Gründe zurückführen lassen und vieles mehr kann auftreten, wenn die Seele krankt. Werden ausschließlich diese Erkrankungen oder Störungen behandelt, so kann das nicht zum Erfolg führen, da es sich dabei um sekundäre Erkrankungen handelt, die aufgrund der DIS auftreten. Erst, wenn auch die DIS behandelt wird, kommt die Heilung in Gang. Ein weiterer Grund, sich professionelle Hilfe zu holen, sind die zahlreichen Schwierigkeiten, die Menschen mit DIS in ihrem Alltag erleben. Wurde eine DIS diagnostiziert, können Betroffene aufgrund der Diagnose DIS, wegen bestehender Depressionen und anderer Probleme eine Verordnung für eine flankierende ergotherapeutische Intervention zum Verbessern der Einschränkungen im Alltag erhalten.
Ergotherapeut:innen sorgen für Pragmatismus und Klarheit für alle Persönlichkeitsanteile von Menschen mit DIS
„Ergotherapeut:innen unterstützen oft ganz pragmatisch, um die Aufs und Abs, die die Klient:innen durchleben, abzufangen“, erklärt Knagge. Sie sorgt beispielsweise dafür, dass sich ihre Klient:innen Essens- und Wasservorräte für die Zeiträume anlegen, in denen sie sich unter Umständen tage- oder wochenlang abschotten und niemanden an sich heranlassen. Ist ein Thema in der Psychotherapie fertig verarbeitet und abgeschlossen, erleben Menschen mit DIS üblicherweise eine gute Phase. Sobald das Gehirn jedoch neue Bilder „loslässt“ – dazu kommt es bei einer posttraumatischen Belastungsstörung häufig in einem bestimmten Rhythmus – kann dies erneut einen Tiefpunkt oder depressive Phasen auslösen, in der sie den Kontakt mit anderen Personen verweigern. Ein weiteres, großes Problem im Alltag von Menschen mit DIS sind die sogenannten Gedächtnisschranken. Gedächtnisschranken entstehen dadurch, dass eine andere als die Frontperson das Handeln übernommen hat. Der Persönlichkeitsanteil, der üblicherweise die Frontperson ist, befindet sich dann in einer Art Dämmerschlaf und weiß nicht, was während dieser Zeit passiert. „Auch hier ist wieder ein pragmatischer Ansatz hilfreich: Ergotherapeut:innen vereinbaren und üben mit allen Persönlichkeitsanteilen, Verlaufsprotokolle zu erstellen und sich jeweils stichpunkthaft zu notieren, welcher Anteil gerade „vorne“ ist, was und weshalb er oder sie etwas tut, welche Gedankengänge gerade wichtig sind und wo er oder sie sich befindet“, legt die Ergotherapeutin dar, wie sie diesen Teil ihrer Arbeit mit Menschen mit einer DIS gestaltet. So ist gewährleistet, dass alle Persönlichkeitsanteile über alles informiert sind.
Ergotherapeut:innen unterstützen Menschen mit DIS ihr Leben so zu gestalten, dass sie sich sicher fühlen
„Die Themen der jeweiligen Betroffenen sind vielfältig und individuell, aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten wie etwa die Schlafprobleme, die diejenigen von Kindheit an haben und die auf fehlendes Sicherheitsempfinden zurückzuführen sind“, bestätigt die Ergotherapeutin Knagge. Ein oder mehrere Persönlichkeitsanteile der Menschen mit DIS bleiben oft ein Leben lang im Kindesalter. Aus diesem Grund geht die Ergotherapeutin mit diesen Klient:innen in Anlehnung an die Behandlung von Kindern vor, um diesen kindlichen Anteilen ein besseres Sicherheitsgefühl in der Nacht zu vermitteln. Das bedeutet bestenfalls Hausbesuche und diese dürfen Ergotherapeut:innen als Beratung zur Integration des häuslichen Umfelds machen. Auf diese Weise können sich Ergotherapeut:innen vor Ort in die Lage der kindlichen Persönlichkeitsanteile ihrer Klient:innen versetzen. Sie loten gemeinsam mit dem Menschen mit DIS die aus dessen Sicht kritischen Stellen und Situationen in den eigenen vier Wänden aus. Dazu die Ergotherapeutin Knagge: „Ergotherapeut:innen verfügen über eine gute Vorstellungskraft und sind daher in der Lage zu imaginieren, wo könnten bedrohliche Personen wie „Räuber, Einbrecher, Eindringlinge“ hereinkommen“. Gemeinsam mit den Klient:innen überlegen sie dann, wie sie die Wohnung sicher machen können. Wer mag, darf Fenster verbarrikadieren, die Zimmertür nachts abschließen – auch diejenigen, die alleine wohnen – oder eine Höhle zum Schlafen bauen. Auch ein Schnuffeltuch, Lavendelkissen oder Kuscheltiere können helfen, die kindlichen Anteile in den erwachsenen Betroffenen zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen.
Mithilfe von Ergotherapeut:innen Lebensfeldbegrenzungen erkennen und minimieren
Auch bei anderen Themen des Alltags, die sich durch die Betätigungsanalyse gezeigt haben, spielt das Thema Sicherheit eine Rolle. „In diesen Fällen empfehlen Ergotherapeut:innen die zum Selbstschutz üblichen Dinge wie Handtaschenalarm für Frauen oder Apps für das Mobiltelefon, die eine sofortiges Orten ermöglichen“, zeigt Knagge einige der Möglichkeiten auf, Betroffenen ein stärkeres Sicherheitsempfinden zu verleihen. Im nächsten Schritt üben Ergotherapeut:innen mit ihren Klient:innen im Wohnort, zum Beispiel an Stellen, die nicht gut beleuchtet sind und – wenn das alles keine Bedrohung mehr darstellt – im Wald oder der freien Natur, sich selbstbewusster zu bewegen. Auf diesem Weg gelingt es Ergotherapeut:innen mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit in das Leben von Menschen mit DIS zu bringen und die Lebensfeldbegrenzungen Stück für Stück abzubauen. „Menschen mit DIS müssen ihren Alltag nicht so gestalten, wie es für andere „normal“ ist“, fasst Knagge zusammen und betont abschließend: „Es ist wichtig, Betroffene so zu befähigen, dass sie ihren Alltag so gestalten lernen, wie er für sie persönlich gut funktioniert“.