

Wie lassen sich die komplexen Informationen aus Bewegungsanalysen von Musiker*innen so aufbereiten, dass sie Physiotherapeut*innen bei der Diagnostik und Therapieplanung helfen? Eduard Wolf von der Hochschule Osnabrück untersucht, wie digitale Technologien diese biomechanischen Daten verständlich machen und klinische Entscheidungen unterstützen können.
Biomechanische Daten aus Bewegungsanalysen können Physiotherapeut*innen wichtige Informationen zu Gelenkwinkeln, Muskelaktivität oder Bewegungsmustern liefern – gerade in der Bewegung und an Stellen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. In seiner kooperativen Promotion an der Hochschule Osnabrück und der Universität Witten/Herdecke untersucht Eduard Wolf, wie diese Daten aufbereitet und präsentiert werden können, sodass Physiotherapeut*innen dateninformierte Entscheidungen treffen können.
Im Fokus seiner Forschung stehen dabei Instrumentalist*innen und anderen Performing Artists. Denn die hohen einseitigen Belastungen beim Musizieren sowie Faktoren wie Stress und Lärm können negative gesundheitliche Folgen haben. Das belegt eine empirische Studie der Universität Paderborn: Demnach hat jede*r zweite professionelle Orchestermusiker*in in Deutschland spürbare körperliche Beschwerden bei der Arbeit.
Bewegungsanalysen als Basis
Grundlage für Eduard Wolfs Arbeit sind biomechanische Daten, die messbaren Informationen über die Bewegungen und Kräfte des menschlichen Körpers: Zum Beispiel, wie stark ein Gelenk gebeugt oder gestreckt wird, oder, welche Muskeln aktiviert werden und wie stark sie arbeiten. Diese Daten werden über Bewegungsanalysen in einem speziell eingerichteten Bewegungslabor erhoben. Mithilfe von Motion-Capture-Technologie und Elektromyographie werden Informationen zu Gelenkwinkel, Muskelaktivität und Bewegungsmuster präzise erfasst. Dabei werden die Daten von Musiker*innen mit und ohne körperliche Beschwerden miteinander verglichen.
Bei der Motion-Capture-Technologie werden kleine Marker auf bestimmte Körperstellen platziert, die von mehreren Infrarotkameras erfasst werden. So lassen sich Gelenkwinkel und -positionen dreidimensional aufzeichnen. Auch feinste Bewegungen können so genau erfasst werden. Die Elektromyographie misst dagegen die elektrische Aktivität von Muskeln während der Bewegung. Elektroden auf der Haut registrieren, wann und wie stark ein Muskel arbeitet. So lässt sich nachvollziehen, welche Muskeln in welcher Intensität aktiviert werden.
Digitales Dashboard für Physioterapeut*innen
Die gewonnenen Daten werden im nächsten Schritt in einem Dashboard für die Physiotherapeut*innen aufbereitet. „Es ist speziell auf die Bedürfnisse der Therapeut*innen zugeschnitten. Die komplexen biomechanischen Messwerte werden dort in die Sprache der Physiotherapeut*innen übersetzt“ sagt der Promovend. Gleichzeitig werden klinische Informationen wie Anamnese, körperliche Untersuchung und Behandlungshistorie integriert. So entsteht ein vollständiger Befund, der es den Therapeut*innen erleichtern soll, Hypothesen über Beschwerden zu überprüfen, Therapieentscheidungen zu treffen und Patient*innen gezielter zu behandeln.
Nutzer*innenstudien: Welche Informationen helfen wirklich?
In Nutzer*innenstudien testeten Physiotherapeut*innen anschließend das Dashboard anhand realer Patientenfälle. Untersucht wurde dabei, wie die zusätzlichen Bewegungsdaten ihre Diagnosen und Behandlungsentscheidungen beeinflussen, welche Informationen dabei besonders hilfreich sind und wie sich die digitale Unterstützung auf die Arbeit im Therapiealltag auswirkt. „Dabei wurde deutlich, dass eine gut verständliche Visualisierung und klare Usability – also Benutzer*innenfreundlichkeit – entscheidend für den erfolgreichen Einsatz sind.“, so Wolf.
Ein zentraler Aspekt seiner Forschung ist deshalb die Usability: Digitale Werkzeuge sollen so gestaltet sein, dass sie in der physiotherapeutischen Praxis unkompliziert, zeitsparend und intuitiv einsetzbar sind. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Mensch und Technik im Gesundheitswesen bestmöglich zusammenwirken können. „Technologien stellen nur dann eine Unterstützung dar, wenn sie sich an den klinischen Alltag anpassen – nicht umgekehrt“, so der Promovend.
Den Herausforderungen des Berufsalltags begegnen
Physiotherapeut*innen spielen eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung: Sie begleiten Menschen nach Verletzungen, Erkrankungen oder Operationen, lindern Schmerzen und fördern Beweglichkeit. Gleichzeitig arbeiten sie unter hohem Zeitdruck. Krankenkassen kalkulieren für viele Leistungen Zeitfenster von 15 bis 20 Minuten pro Patient*in ein – inklusive Vor- und Nachbereitung, Dokumentation und organisatorischer Aufgaben.
„Digitale Technologien können Physiotherapeut*innen entlasten, wenn sie praxisnah gestaltet sind und die Arbeitsabläufe sinnvoll unterstützen. Mein Ziel ist es, einen Beitrag zur Nutzbarmachung biomechanischer Daten in der Physiotherapie zu leisten und zu zeigen, wie Digitalisierung konkret Mehrwert schaffen kann“, sagt Eduard Wolf.
60 Prozent oder mehr aller Erwachsenen in Deutschland leiden mindestens einmal pro Jahr an Rückenschmerzen. Darauf weisen die Verbände der gesetzlichen Krankenkassen anlässlich des Tages der Rückengesundheit am 15. März 2026 hin. Prävention spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Jede und jeder Einzelne kann einen Beitrag zur eigenen Rückengesundheit leisten, indem er oder sie sich ausreichend bewegt, die Rückenmuskulatur gezielt trainiert und Risikofaktoren im Alltag kennt und vermeidet.
Krankenkassen fördern Kursteilnahme
Wer seinen Rücken stärken will, kann dafür finanzielle Unterstützung erhalten: Alle gesetzlichen Krankenkassen bezuschussen jährlich bis zu zwei Präventionskurse. Auf der Website ihrer Krankenkasse finden Versicherte alle verfügbaren Angebote. Bundesweit sind etwa 13.000 Kurse zur Rückengesundheit verfügbar, darunter Haltungsschulungen, Wirbelsäulengymnastik und Kräftigungstrainings. Die Kurse werden vorwiegend in Präsenz, aber auch als Onlineformate angeboten. Mit der Stichwortsuche „Rücken” finden Versicherte passende Angebote in ihrem Umkreis.
Einheitlich geprüfte Qualität
„Wer sich für einen von seiner Krankenkasse bezuschussten Kurs entscheidet, kann sich auf ein qualitativ hochwertiges Angebot und die Kompetenz der Kursleiterinnen und Kursleiter verlassen. Denn alle Angebote und Kursleitungen werden zuvor von der Zentrale Prüfstelle Prävention geprüft“, sagt Melanie Dold, Leitung des Bereichs Zentrale Prüfstelle Prävention beim Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek). „Die Kurse vermitteln Praxiswissen, das Teilnehmende direkt in den Alltag integrieren können – etwa durch Übungen zur Stärkung der Rumpf- und Rückenmuskulatur und die Vermittlung rückengerechter Bewegungsabläufe für den Alltag wie wechselnde Sitzpositionen, Techniken zum Heben und Tragen und aufrechten Gehen.“
Was ist die Zentrale Prüfstelle Prävention?
Die Zentrale Prüfstelle Prävention ist eine Kooperationsgemeinschaft der Ersatzkassen (TK, BARMER, DAK-Gesundheit, KKH, hkk, HEK), der Betriebskrankenkassen (BKK), der AOK, der Innungskrankenkassen (IKK), der KNAPPSCHAFT und der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Die Qualitätsanforderungen sind im „Leitfaden Prävention“ festgeschrieben.
Gemeinsame Pressemitteilung der Verbände der Krankenkassen
Fast jede zweite Krankenkasse hat zum Jahreswechsel ihre Beiträge erhöht; im Schnitt liegt der Beitragssatz aktuell bei 17,5 Prozent. Mit Spannung werden daher die ersten Ergebnisse der FinanzKommission Gesundheit erwartet, die Ende März vorliegen und maßgebliche Kostentreiber und Ineffizienzen aufdecken sollen. Der Bundesverband deutscher Physiotherapeuten – IFK e. V. mahnt, die Finanzsituation nicht mit Instrumenten lösen zu wollen, die schon vor Jahrzehnten nicht funktioniert haben. Stattdessen muss die interprofessionelle und sektorenübergreifende Zusammenarbeit optimiert werden – und das mit Gesetzesanpassungen, die verbindliche Regelungen für die verschiedenen Leistungserbringer vorschreiben.
Die GKV befindet sich aktuell in einer schweren, andauernden Krise, weil sie immer höhere Ausgaben stemmen muss. Die Stimmen nach gesetzlichen Regelungen wie einem Ausgabenmoratorium oder der Rückkehr zur Grundlohnsummenbindung werden immer lauter. Im Sofortprogramm der Techniker Krankenkasse (TK) von September 2025 heißt es beispielsweise, die im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) beschlossene dauerhafte Abschaffung der Grundlohnsummenbindung bei Kassenverhandlungen habe nicht zu höheren Gehältern in den Physiotherapiepraxen geführt – der erwünschte Effekt sei also ausgeblieben. Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des IFK, stuft eine Rückkehr zu diesem Instrument als immensen Rückschritt für den Heilmittelbereich ein: „Dieser Ansatz ist ein Relikt aus den 80er-Jahren und wir alle wissen, dass die Grundlohnsummenbindung verantwortlich dafür war, dass sich die Gehälter im Heilmittelbereich deutlich schlechter entwickelt haben als der Durchschnitt. Veränderungen sind richtig und wichtig, aber nicht mit Instrumenten, die schon vor Jahrzehnten nicht funktioniert haben.“ De facto würde diese Rückkehr eine Reihe an schwerwiegenden Folgen nach sich ziehen. Der Fachkräftemangel würde weiter vorangetrieben und in der Folge zu noch größeren Versorgungslücken führen. Kurzfristig resultieren daraus noch längere Wartezeiten auf Patientenseite, langfristig belastet dies das gesamte Gesundheitssystem. Denn kommt es zu einer physiotherapeutischen Unterversorgung, könnte dies dazu führen, dass gesundheitliche Beschwerden nicht oder zu spät therapiert werden und zum Beispiel durch chirurgische Eingriffe, die meist kostenintensiver und riskanter sind, behoben werden müssen.
Auch Leistungskürzungen als Sparmaßnahmen werden zurzeit immer wieder ins Gespräch gebracht, hätten jedoch ähnliche Folgen wie oben skizziert. Die Versorgung bestimmter Patientengruppen würde erschwert und der Behandlungserfolg gefährdet, wenn Leistungen wegfallen oder Therapiezeiten beziehungsweise Behandlungseinheiten gekürzt werden. „Nehmen wir als Beispiel den Kreuzbandriss, der in der Regel operativ durch eine Kreuzbandplastik und anschließend durch einen mehrstufigen Prozess mit Physiotherapie behandelt wird, um die volle Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen. Fallen Behandlungseinheiten aus oder werden gekürzt, leidet die engmaschige Betreuung und der Muskelaufbau. Das Risiko eines erneuten Risses steigt, die frühzeitige Entstehung von Arthrose droht und somit natürlich auch die Gefahr von chronischen Schmerzen. Dieser Leidensprozess hat nicht nur Krankschreibungen zur Folge, sondern auch weitere Kosten durch Operationen, Schmerzmittel und Ausfallzeiten,“ verdeutlicht Repschläger, die selbst praktizierende Physiotherapeutin ist. Kurz gesagt: Spart man an dieser Stelle, steigen die Kosten an anderer Stelle. Zudem hätten Kürzungen unmittelbare Auswirkungen auf das Ansehen und Selbstverständnis der Physiotherapie, da die dann gelebte physiotherapeutische Arbeit nicht mehr den eigentlichen Kompetenzen entspricht. Das kommt einer Abwertung des Berufsbildes gleich.
Strukturierte Modernisierung, interprofessionelle Zusammenarbeit und gesetzliche Weichenstellungen für eine zukunftsfeste Versorgung
„Um unsere Versorgung zukunftsfest zu machen, muss sie umstrukturiert und modernisiert werden“, drängt IFK-Vorstandsvorsitzende Repschläger. „Es ist nicht so, dass wir bei null anfangen müssen. Unser oberstes Ziel sollte sein, die vorhandenen Ressourcen umzuverteilen und besser zu nutzen. Eine Stellschraube stellt hier die interprofessionelle und sektorenübergreifende Zusammenarbeit dar.“ Optimierte, berufsübergreifende Prozesse verbessern nachweislich die Qualität und senken Kosten. Ein besserer Informationsaustausch ermöglicht es, relevante Daten schneller zu teilen, Behandlungsziele abzustimmen und Maßnahmen enger zu verzahnen. Hierfür braucht es Gesetzesanpassungen, die verbindliche Regelungen für die verschiedenen Leistungserbringer vorschreiben. Auch die Befugniserweiterung, zum Beispiel durch die Einführung des Direktzugangs oder die Erweiterung der Verordnungserlaubnis auf die Heilmittelerbringer, würden zu einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Ressourcen führen, da Patienten ohne Umwege über Hausärzte oder andere Zwischenstufen die Leistungen von Physiotherapeuten in Anspruch nehmen könnten und Hausarztpraxen entlastet werden. Um die Finanzlage der GKV zeitnah zu entspannen, bevor die strukturellen Änderungen ihre volle Wirkung entfalten, muss aus Sicht des Berufsverbands auch das Thema versicherungsfremde Leistungen unbedingt angegangen werden. „Es kann nicht sein, dass es zu Leistungskürzungen für die Solidargemeinschaft der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten kommt. Wenn es um Aufgaben geht, die von gesamtgesellschaftlichem Interesse sind, muss der Staat diese selbst finanzieren und darf sie nicht von den Beitragszahlenden mitfinanzieren lassen,“ kritisiert Repschläger. Der IFK als Mitglied des Spitzenverbands der Heilmittelverbände e. V. (SHV) fordert daher, diese Leistungen zu 100 Prozent über den Staat finanzieren zu lassen.
Diese Vorschläge finden sich auch im Fragebogen wieder, den der IFK mit dem SHV bei der FinanzKommission Gesundheit eingereicht hat. Der Fragebogen wurde unter anderem an die Heilmittelverbände und die GKV mit dem Ziel verschickt, Einsparpotenzial aufzudecken. „Alle Leistungserbringer – auch wir Physiotherapeuten – sollten bei den anstehenden Veränderungen und uns betreffenden Themen mitreden, mitgestalten und unsere Expertise einbringen dürfen, um jetzt gemeinsam mit der Politik und gleichberechtigt zu anderen Akteuren im Gesundheitswesen den Grundstein dafür zu setzen, dass die Versorgung von morgen gut gelingen kann“, appelliert Repschläger.
Rückenschmerzen sind nach wie vor die häufigste Form chronischer Schmerzen in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) nutzt den Tag der Rückengesundheit am 15. März, um für eine bessere Prävention und Versorgung zu sensibilisieren. Dr. Richard Ibrahim, Orthopäde, Schmerzmediziner und DGS-Präsident, erklärt, warum der Weg von der Hausarztpraxis zu spezialisierten Medizinern entscheidend ist – und warum moderne Schmerztherapie heute weit mehr ist als Tabletten und Operationen.
Frage: Herr Dr. Ibrahim, was sind derzeit die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen?
Dr. Richard Ibrahim: Rückenschmerz ist ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen. Von Muskel- und Gelenkproblemen bis hin zu Veränderungen im Bereich des Spinalkanals kann vieles eine Rolle spielen. Zuletzt sahen wir vor allem unfallbedingte Rückenschmerzen – etwa durch Stürze beim Wintersport oder auf vereisten Wegen. Wenn man nicht richtig reagiert, können daraus leider schnell chronische Beschwerden werden.
Frage: Ab wann spricht man von chronischem Rückenschmerz – und was bedeutet das für Betroffene?
Dr. Richard Ibrahim: Chronisch bedeutet zunächst nur, dass Schmerzen länger als drei bis sechs Monate bestehen. Das ist keine Prognose, sondern eine zeitliche Definition. Entscheidend ist, dass in dieser Phase neben körperlichen Faktoren auch Schlafstörungen, Stress, Ängste oder depressive Verstimmungen eine Rolle spielen. Schmerz entwickelt sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild. Deshalb braucht es eine multimodale Therapie, die Bewegung, medizinische Behandlung und psychologische Aspekte kombiniert.
Frage: Wann reicht die Behandlung durch Haus- oder Fachärzte nicht mehr aus?
Dr. Richard Ibrahim: Das Versorgungssystem ist sinnvoll gestuft aufgebaut. Aber wenn Schmerzen chronisch werden und Standardtherapien nicht greifen, sollte eine spezialisierte Schmerztherapie erfolgen. Hier kommen auch Fachärzte an ihre Grenzen, daher sollte man sich zu einem Arzt oder einer Ärztin mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ überweisen lassen. Dort stehen deutlich erweiterte Therapieoptionen zur Verfügung – etwa spezialisierte medikamentöse Strategien, interventionelle Verfahren oder strukturierte multimodale Programme.
Frage: Wann ist eine Operation nötig? Und wie findet man Spezialisten?
Dr. Richard Ibrahim: Akute Fälle mit Warnsignalen wie Lähmungen, Schwäche in den Beinen oder Entzündungen erfordern rasches Handeln. In solchen Fällen kann eine Operation notwendig sein, um dauerhafte Schäden zu vermeiden. Bei chronischen Rückenschmerzen gilt jedoch: Zunächst werden alle konservativen und multimodalen Therapieoptionen ausgeschöpft. Schmerzmedizin arbeitet interdisziplinär – wir stimmen uns eng mit Orthopädie, Neurochirurgie, Psychologie und weiteren Fachrichtungen ab. Eine operative Maßnahme erfolgt nur dann, wenn sie medizinisch wirklich indiziert ist und im gemeinsamen Konsens aller beteiligten Disziplinen sinnvoll erscheint.
Frage: Viele Betroffene wünschen sich vor allem eines – schmerzfrei zu sein. Wie realistisch ist das?
Dr. Richard Ibrahim: Der Wunsch nach Schmerzfreiheit ist absolut verständlich. Unser Ziel ist es jedoch in vielen Fällen zunächst, Schmerz zu reduzieren und Funktion wiederherzustellen. Chronischer Schmerz lässt sich nicht immer „wegoperieren“ oder „wegmedikamentieren“. Entscheidend ist, dass Patienten wieder aktiv werden, Bewegung nicht aus Angst vermeiden und lernen, mit dem Schmerz umzugehen, ohne dass er ihr Leben bestimmt.
Frage: Welche Rolle spielen KI und digitale Gesundheitsanwendungen dabei?
Dr. Richard Ibrahim: Digitale Tools sind eine wichtige Ergänzung. In der ärztlichen Sprechstunde bleibt oft wenig Zeit für ausführliche Erklärung oder wiederholte Anleitung. Rückenschmerz-Apps auf Rezept, Podcasts oder virtuelle Anwendungen ermöglichen es, Inhalte zu vertiefen, Übungen regelmäßig durchzuführen und Ängste vor Bewegung abzubauen. KI erkennt dabei Fehlhaltungen und passt Übungen individuell an. Die digitalen Hilfsmittel ersetzen keine ärztliche Behandlung – aber sie unterstützen sie. Gerade bei chronischen Rückenschmerzen kann das helfen, langfristig Verhaltensänderungen zu stabilisieren.
Frage: Wo finden Betroffene Orientierung?
Dr. Richard Ibrahim: Informationen bietet die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin über ihre Website (www.dgschmerzmedizin.de) und ihre Landeszentren in allen Bundesländern. Haus- und Fachärzte können zudem gezielt an spezialisierte Schmerzmediziner überweisen.
Vielen Dank für das Gespräch!