

Die Ergotherapeutin Jessica Liers, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) vertieft den Ansatz, den sie und ihre Berufskolleg:innen verfolgen, weiter: „Ergotherapeut:innen betrachten den Menschen in seiner Gesamtheit: seine individuelle Lebenssituation, Lebensphase und Umfeld, seine Persönlichkeit, seine Identität und ebenso die Anliegen: was soll sich im Leben dieses Menschen ändern“. Ergotherapeut:innen versetzen Klient:innen – so nennen sie ihre Patient:innen – in die Lage, den für sie wichtigen Betätigungen, Handlungen und Aktivitäten wieder oder erstmals nachzugehen. Dabei ist für eine erfolgsorientierte Therapiegestaltung das „wie“ genauso wichtig wie das „was“.
Wer aufgrund von gesundheitlichen Schwierigkeiten, Problemen oder Krisen das, was er oder sie tun will oder tun muss, nicht (mehr) ausführen kann und dadurch in seinem Alltag eingeschränkt ist, kann eine Verordnung für Ergotherapie erhalten. Um sich ein aussagekräftiges Bild des oder der jeweiligen Klient:inn zu verschaffen, beginnen Ergotherapeut:innen ihre Intervention üblicherweise mit einem Gespräch, bei dem sie sämtliche hierfür nötigen Informationen sammeln. Hinter diesem Vorgehen und der ganzheitlichen Sichtweise von Ergotherapeut:innen steckt neben anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen das biopsychosoziale Modell. Es basiert auf der Annahme, dass alle Faktoren wie körperliche, psychische und soziale Komponenten in wechselseitiger Beziehung stehen können. Alles hängt miteinander zusammen und prägt das Erleben und Handeln von Menschen.
Haltung und Kommunikationsform: maßgeblich für das Gelingen ergotherapeutischer Interventionen
„Oft sind die ersten ein, zwei oder manchmal drei Termine nötig, um unser Gegenüber in all seinen Facetten kennenzulernen, gleichzeitig eine vertrauensvolle Therapeutenbindung aufzubauen und danach gemeinsam erreichbare Ziele herauszuarbeiten“, erklärt Liers. Ergotherapeut:innen ist es wichtig, ein kooperatives Klima für ein Miteinander auf Augenhöhe zu schaffen. Zusätzlich zu anderen Gesichtspunkten ist insbesondere die Art der Kommunikation ausschlaggebend dafür, wie sich Menschen – in diesem Fall die Klient:innen bei Ergotherapeut:innen – wahrgenommen fühlen. Es ist eine ergotherapeutische Grundeinstellung, dass jeder Mensch Expert:in für das eigene Leben ist. Das schließt den Versuch, anderen etwas „aufzuzwingen“, sie mit Fakten zu überhäufen und sie von etwas überzeugen zu wollen, aus. Das führt ohnehin zu nichts. Stattdessen hören Ergotherapeut:innen sehr genau zu, was Klient:innen auf ihre interessierten, gezielt offen gestellten Fragen antworten. „Fühlen sich Klient:innen in ihrer Situation und mit ihren Anliegen ernst genommen, akzeptiert und verstanden, öffnen sie sich“, bestätigt Liers, was ihr in der täglichen Praxis begegnet und was zudem wissenschaftlich fundiert ist: Eine Form der Gesprächsführung, die diese Haltung und weitere ergotherapeutische Prinzipien widerspiegelt, ist das sogenannte Motivational Interviewing – eine motivierende Gesprächsführung, die auch unter Ärzt:innen und anderen Therapeut:innen bekannt ist.
Erfolg quasi vorprogrammiert: Selbstwirksamkeit spornt an, wirkt motivationsverstärkend
Ein wichtiges Element dieser Gesprächsform ist, die Ressourcen und Fähigkeiten, die in den Klient:innen stecken, in den Vordergrund zu holen. Das deckt sich mit der klassischen ergotherapeutischen Vorgehensweise: Zu schauen, was kann die Person noch oder schon wieder und herauszufinden, welches Potenzial in ihr steckt. Der Fokus ist auf das Positive, das Motivierende, gerichtet, was perspektivisch zu Selbstwirksamkeit führt. „Selbstwirksamkeit funktioniert als Anreiz, etwas zu tun und zu lernen, schon bei Babys“, holt die Ergotherapeutin Liers vor Augen: „Babys lassen einen Gegenstand zigmal hintereinander fallen, weil sie mit Freude eine Wirkung provozieren und so spielerisch lernen“. Derselbe Wirkmechanismus gilt ein Leben lang. Wer etwas erfolgreich tut, ist motiviert, dies immer wieder, vielleicht sogar häufiger zu tun; auch stellt sich so die Bereitschaft ein, Neues zu probieren und sich auch dabei als selbstwirksam zu erfahren. Begleiten Ergotherapeut:innen beispielsweise Lebensübergänge, etwa vom Berufsleben in die Rente, sehen sich Klient:innen mit der Aufgabe konfrontiert, sich einen komplett neuen Alltag „zurechtbauen“ zu müssen, wollen sie sich nicht mit der sonst eintretenden Leere abgeben. Ergotherapeut:innen gehen dazu mit ihren Klient:innen zurück in die Vergangenheit, fragen, was der- oder diejenige früher gerne gemacht hat. Oder schon immer machen wollte, wofür aber wegen bestehender Verpflichtungen wie Arbeit, Beruf, Familie, keine Zeit war. Auch bei vielen physischen wie auch psychischen Erkrankungen geht es darum, Menschen, die eine Aktivität oder Handlung nicht mehr ausüben können zu befähigen, dies wieder zu tun, ihnen Erfolge zu ermöglichen. Ergotherapeutischen Fragetechniken und Herangehensweisen sei Dank gelingt es meistens, dass Klient:innen wiederentdecken, was in ihnen selbst steckt, wozu sie selbst fähig sind. Das Prinzip der Selbstwirksamkeit greift und wirkt auch in die Zukunft hinein.
Ergotherapeut:innen arbeiten partnerschaftlich und ausschließlich an Themen orientiert
In der Ergotherapie gilt wie bereits gesagt das partnerschaftliche Miteinander auf Augenhöhe: Beide, Ergotherapeut:in plus Klient:in, gestalten den Therapieprozess in Zusammenarbeit. Das bedeutet: Die Klient:innen nennen ihre jeweiligen persönlichen Anliegen und Ziele und Ergotherapeut:innen unterstützen sie dabei, diese Ziele im Rahmen der Möglichkeiten ihrer Erkrankung, Störung, Situation und so weiter, zu erreichen. Dies geschieht frei von Zuschreibungen, Geschlechterklischees, Prägung oder gesellschaftlichen Erwartungen. Liers macht das an Beispielen fest: Im geriatrischen Kontext kommt es häufig vor, dass Menschen Aufgaben des Ehepartners beziehungsweise der Ehepartnerin, die nicht mehr dazu imstande oder verstorben sind, übernehmen wollen oder müssen, um die eigene Selbstständigkeit zu bewahren. Schon die Befragung ist nicht am Geschlecht, sondern an den Aufgaben orientiert, die zur Selbstversorgung notwendig sind. Sprich Männer werden werden genauso wie Frauen zu sämtlichen Aufgaben der Selbstversorgung, also auch Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen und generell Dingen im Haushalt befragt, wo sie Fähigkeiten hinzugewinnen möchten. Genauso verhält es sich, wenn Frauen möglicherweise fehlende Kenntnissezu oft von Männern vereinnahmten Bereichen wie Finanzen oder handwerklicher Arbeiten bemängeln. Dann unterstützen Ergotherapeut:innen diese Klient:innen dabei, die für sie neuen Betätigungen zu erlernen, zu üben und zu praktizieren.
Ergotherapeut:innen respektieren das Recht, die eigene Persönlichkeit zu entfalten
Besonders deutlich wird die vom Geschlecht losgelöste neutrale Haltung bei Klient:innen im Transitionsprozess. In diesem Fall beraten Ergotherapeut:innen zu Anliegen wie „zum ersten Mal im Gesicht rasieren oder rasieren lassen“, „zum ersten Mal BHs kaufen“ und mehr. Besucht die trans* Person noch die Schule, kann es darum gehen, wie es ihr gelingt, sich im und nach dem Sportunterricht oder beim Schwimmen wohlzufühlen, sich als „richtig“ wahrzunehmen und ebenso integriert zu sein wie alle anderen, auch wenn die Identität noch nicht mit dem Äußeren zusammenpasst. In vielen Situationen das Umfeld Teil der Intervention; bei Transitionen benötigen an erster Stelle die Eltern Aufklärung und Zuspruch. „Eltern haben bei Transitionen die größere Aufgabe“, sagt Liers „denn für die Kinder ist alles klar: es darf endlich eine Anpassung ihrer Identität und Persönlichkeit an den Körper stattfinden; ihr dringendstes innerstes Bedürfnis wird erfüllt“. Es ist ein für Eltern herausfordernder Prozess, die Transition ihres Kindes zu begleiten, das Outing mitzutragen, alles so zu akzeptieren, wie es sich für das Kind richtig anfühlt und ihm in jeder Situation den Rücken zu stärken. „Hierzu empowern wir die Eltern, unterstützen sie dabei, Strategien für den Umgang mit dem Kind, dem Rest der Familie, Freund:innen und anderen Menschen im Umfeld zu entwickeln“, beschreibt die Ergotherapeutin Liers, wie dieser Part ihrer Arbeit mit trans* Kindern und Jugendlichen aussieht. Darüber hinaus geben Ergotherapeut:innen Empfehlungen, wie sich Lehrertermine vorbereiten lassen, an denen sie gegebenenfalls teilnehmen und sie raten, sich Elterngruppen anzuschließen und zu netzwerken. In Summe sorgen Ergotherapeut:innen dafür, dass alle Beteiligten gut versorgt sind.
Ergonomische Bürostühle, höhenverstellbare Schreibtische und moderne Bildschirmarbeitsplätze gehören in vielen Unternehmen längst zum Standard. Doch dieser Fortschritt erreicht nicht alle Beschäftigten. Besonders im Homeoffice und in körperlich belastenden Berufen wie Bau, Handwerk, Gebäudereinigung und Pflege sind ergonomische Bedingungen noch nicht flächendeckend etabliert. Die Folgen sind erheblich: Muskel-Skelett-Erkrankungen zählen weiterhin zu den häufigsten Ursachen für Fehltage und verursachen hohe volkswirtschaftliche Kosten. „Deutschland hat bei der Ergonomie weniger ein Erkenntnisproblem als ein Umsetzungsproblem“, so Detlef Detjen, Geschäftsführer der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. Die AGR gibt Orientierung – mit konkreten Tipps für einen rückenfreundlichen Alltag und dem AGR-Gütesiegel für ergonomische Produkte.
Gesundes Homeoffice: In kleinen Betrieben fehlt oft die ergonomische Unterstützung
Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland arbeitet zumindest zeitweise im Homeoffice, das zeigen aktuelle Erhebungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Doch längst nicht alle erhalten Unterstützung bei der ergonomischen Gestaltung ihres heimischen Arbeitsplatzes. Unterschiede zeigen sich vor allem in verschiedenen Betriebsgrößen: Während große Unternehmen und die öffentliche Verwaltung ihre Beschäftigten häufig umfassend begleiten, fehlen in kleineren Betrieben vielfach konkrete Hinweise zu Ausstattung, Bewegung und gesundem Arbeiten.
„Viele Menschen richten ihren Arbeitsplatz zu Hause zunächst pragmatisch ein: der Küchenstuhl, der Laptop auf dem Wohnzimmertisch, wenig Bewegung zwischendurch. Was kurzfristig funktioniert, kann langfristig Beschwerden begünstigen. Arbeitgeber können hier wirksam unterstützen: mit klaren Empfehlungen, passender Ausstattung und einer Beratung, die sich am tatsächlichen Arbeitsalltag orientiert“, rät der Rückenexperte.
Dabei geht es um mehr als einen geeigneten Stuhl und einen ausreichend großen Bildschirm. Gute Lichtverhältnisse, regelmäßige Bewegungspausen und der Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Bewegen gehören ebenso zu einer gesunden Arbeitsgestaltung. Auch die Arbeitsorganisation spielt eine wichtige Rolle: Klare Absprachen zu Erreichbarkeit und Pausen helfen dabei, flexibles Arbeiten im Homeoffice auch mental gesund zu gestalten.
Gute Ergonomie beginnt vor der Belastung
Der Blick auf den Bildschirmarbeitsplatz greift jedoch zu kurz. Besonders groß ist der Handlungsbedarf dort, wo schwere Lasten, ungünstige Körperhaltungen und sich ständig wiederholende Bewegungen zum Berufsalltag gehören.
Auf dem Bau und im Handwerk belasten Tätigkeiten wie Estrichlegen, Schaufeln oder das kniende Verlegen von Fliesen den Körper besonders. Solche Arbeiten beanspruchen Muskeln und Gelenke über viele Stunden hinweg. Muskel-Skelett-Erkrankungen gehören deshalb gerade im Handwerk zu den häufigsten Ursachen für Fehlzeiten.
Auch in der Gebäudereinigung summieren sich Belastungen über die gesamte Arbeitsschicht. Wiederkehrende Wischbewegungen, nicht angepasste Arbeitsgeräte sowie das Schieben oder Tragen schwerer Geräte beanspruchen Rücken, Schultern und Gelenke stark. Höhenverstellbare Teleskopstiele, ergonomische Griffe und geeignete Transportlösungen können die körperliche Belastung spürbar reduzieren.
In der Pflege kommen besondere Herausforderungen hinzu: Menschen lassen sich nicht wie genormte Lasten bewegen. Pflegekräfte versorgen Menschen, die nur eingeschränkt mithelfen können, unvermittelt das Gleichgewicht verlieren oder unter beengten räumlichen Bedingungen versorgt werden. Höhenverstellbare Pflegebetten, Transfer- und Aufstehhilfen sowie ausreichend Platz am Bett sind deshalb ebenso wichtig wie eine Arbeitsorganisation, die den Einsatz dieser Hilfsmittel im entscheidenden Moment ermöglicht.
„Ergonomische Lösungen entfalten dann ihre volle Wirkung, wenn sie im Arbeitsalltag selbstverständlich verfügbar sind und genutzt werden können“, betont Detjen. „Ob Hebehilfe, Bürostuhl oder Bewegungspause: Entscheidend ist, dass gesunde Arbeit einfach Teil des täglichen Ablaufs wird.“
Fazit: Ergonomie ist eine Investition in Gesundheit und Arbeitsfähigkeit
Deutschland hat beim Thema Ergonomie bereits viel erreicht. Das größte Potenzial liegt nun darin, vorhandenes Wissen konsequent in den Arbeitsalltag zu übertragen. Dafür müssen Arbeitsplätze, -mittel und -abläufe gemeinsam betrachtet werden: mit passender Ausstattung, verständlicher fachlicher Begleitung und genügend Raum und Zeit für Bewegung. Gerade kleine und mittlere Betriebe profitieren dabei von leicht zugänglichen Informationen und praxisnaher Unterstützung.
Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. setzt sich mit ihrem AGR-Gütesiegel, unabhängigen Produktprüfungen und der Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten aus Medizin, Therapie und Wissenschaft dafür ein, diese Lücke Schritt für Schritt zu schließen – am Schreibtisch ebenso wie auf der Baustelle, in der Werkstatt, bei der Reinigung oder in der Pflege.
Starke Kinder, starke Zukunft! - so lautet das Motto des diesjährigen Weltkindertags am 20. September. "Das deckt sich mit der Arbeit von Ergotherapeut:innen, die im pädiatrischen Kontext arbeiten", zeigt sich Ergotherapeutin Heike Musa, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) begeistert. Kinder, die eine ergotherapeutische Intervention verordnet bekommen, sind meist ebenso wie ihre Eltern von der Haltung, mit der ihnen Ergotherapeut:innen begegnen, angenehm überrascht. Und mehr noch: Sie selbst, ihre Eltern und auch das Umfeld erfahren, wie positiv sich die Arbeit dieser äußerst breit aufgestellten Fachdisziplin im Gesundheitswesen gerade auf Kinder und Jugendliche auswirken kann.
Eine wichtige Voraussetzung, um Kinder und Jugendliche stark zu machen, so wie es der Weltkindertag propagiert, ist, ihnen die nötige Unterstützung bei Schwierigkeiten zu gewähren. Machen Erzieher:innen und Pädagog:innen, die in vielerlei Hinsicht fachlich geschult sind, Eltern auf Dinge aufmerksam, die sie beobachten, lohnt es sich, diesen Hinweisen nachzugehen. Ergotherapeut:innen empfehlen Eltern, parallel ein Augenmerk auf ihre Kinder zu haben. Decken sich die Aussagen der Profis in Kindergarten, Kita oder Schule mit den eigenen Beobachtungen? "Es kann durchaus Abweichungen oder Unterschiede geben", führt die Ergotherapeutin Heike Musa an und weist darauf hin, dass nicht alle Schwierigkeiten auch bei häuslichen Situationen oder mit den Eltern oder anderen Familienmitgliedern auftreten. Motorische Entwicklungsverzögerungen, die sich beispielsweise auf die Stifthaltung - eine Voraussetzung für die Schreibfähigkeit und um in der Schule mitzukommen - auswirken, sind meist auch zuhause zu erkennen. Eine entsprechende Förderung sollte rechtzeitig vor der Einschulung stattfinden. Gleiches gilt für Probleme im Bereich von Aufmerksamkeit und Konzentration, was Eltern ebenfalls im heimischen Umfeld überprüfen können: wie fokussiert und wie genau arbeitet das Kind, lässt es sich leicht ablenken?
Ergotherapeutische Haltung als Gamechanger für Kinder und Jugendliche mit einer Problematik
Eine Thematik, die sich seit den Lockdowns in der Pandemie verstärkt zeigt, sind Schwierigkeiten im sozioemotionalen Bereich. Das bedeutet, dass es Kindern oder Jugendlichen schwerfallen kann, soziale Kompetenzen zu entwickeln, ihre Emotionen zu regulieren, empathisch zu sein und ihre Selbstwirksamkeit zu entfalten. Manche Kinder verhalten sich aggressiv oder "laut", andere sind extrem schüchtern, ängstlich und zurückhaltend und schaffen es häufig nicht, in Handlung zu kommen. Es fällt ihnen schwer, sich zu melden oder Beziehungen anzubahnen. "Es ist für Eltern nicht leicht zu erkennen, ob einem bestimmten Verhalten eine ausgeprägte Charaktereigenschaft oder vielleicht doch eine Problematik zugrunde liegt", erklärt die Ergotherapeutin Musa. Klärung, Unterstützung und Förderung sind hier ebenso zielführend wie in allen zuvor aufgeführten Fällen. Kinder- oder Kinderfachärzt:innen verordnen im Bedarfsfall beispielsweise eine ergotherapeutische Intervention. "Diese ist oftmals wegen der besonderen Haltung von Ergotherapeut:innen der Gamechanger", bestätigt Heike Musa. Geht es bei Kindern und Jugendlichen um ihre Defizite - werden sie also danach beurteilt, was sie nicht können - macht sie das klein. Bei Ergotherapeut:innen geht es zunächst um das, was sie können. Stehen Fragen nach Stärken, Interessen, Ressourcen und sonstigem Können im Vordergrund, fühlen sich Kinder und Jugendliche gesehen. In einer solchen Gefühlslage fällt es ihnen leichter, sich zu öffnen und über das, was ihnen nicht so gut gelingt, zu sprechen.
Mit ergotherapeutischer Unterstützung lernen Kinder und Jugendliche Probleme in Lösungen zu transformieren
Eine Methode, die diese Haltung widerspiegelt, ist das "Ich schaffs" Programm von Ben Furman. In fünfzehn aufeinander aufbauenden Schritten lernen Kinder und - mit leichten Anpassungen - Jugendliche, ein Ziel zu beschreiben. Das kann sein "nicht reinreden", "die Angst, auf den Schulhof zu gehen und andere Kinder anzusprechen überwinden" oder "mit dem richtigen Stift schreiben lernen" - was immer Kinder oder Jugendliche von einem Problem zu einer Fähigkeit umwandeln möchten. "Ergotherapeut:innen geben nichts vor: sie explorieren mit dem Kind gemeinsam die Themen und Anliegen und wählen dann die Schritte aus die nötig sind, damit das Kind die erwünschte Fähigkeit erlernt", beschreibt Musa eine ganz entscheidende Herangehensweise von Ergotherapeut:innen. Nach der "Theorie" gehen Kinder oder Jugendliche in die Erprobung: Was von dem, was besprochen wurde, klappt im (Schul-)Alltag schon? Funktioniert etwas weniger gut oder gar nicht, überlegen Ergotherapeut:innen zusammen mit dem Kind beziehungsweise der oder dem Jugendlichen nochmals, welche Alternativen es gibt. Eine Möglichkeit, um Fähigkeiten besser zu erlernen, ist, dass das Kind Menschen aus seinem Umfeld einlädt, es als Helfer:in zu unterstützen. Das Kind entscheidet also selbst: worum bitte ich meine Eltern oder ein Elternteil, meine Lehrer:innen oder wen auch immer; wen bitte ich, mit mir zusammen Ideen zu entwickeln? Das ist ein Wendepunkt: Im Unterschied zu "Eltern oder Lehrer:in greifen ein", bittet das Kind von sich aus diese Personen um Hilfe. Entsprechend der zuvor mit dem oder der Ergotherapeut:in besprochenen Vorgehen fragt das Kind beispielsweise die Mutter: "Kannst Du mich bitte immer nach dem Mittagessen an die Hausaufgaben erinnern oder fragen, ob ich alles fertig habe".
Ergotherapeut:innen beziehen Öffentlichkeit und Umfeld ...
Es ist ein Zeichen von selbstbestimmtem Handeln und Selbstständigkeit, andere zur Unterstützung heranzuziehen und ist das Gegenteil von der häufig üblichen Vorgehensweise erziehungsberechtigter Personen, dass diese ungebeten und - aus Sicht der Kinder und Jugendlichen - bevormundend nach Dingen fragen, die sie, nicht das Kind oder die Jugendlichen selbst, für wichtig halten. Dadurch empfinden sich Kinder und Jugendliche als selbstwirksam und entwickeln Stärke. Das Umfeld spielt eine ebenso zentrale Rolle wie die Eltern; es ist daher naheliegend, Lehrer:innen oder Erzieher:innen ebenfalls in die ergotherapeutische Intervention einzubeziehen. Es gibt eine Beratungsposition für ergotherapeutische Verordnungen, die das soziale und das häusliche Umfeld betreffen: Ergotherapeut:innen haben in Absprache mit Eltern und Kind die Möglichkeit, in das Umfeld des Kindes zu gehen. Das deckt sich mit einem Punkt aus dem "Ich schaffs" Programm, der vorsieht, die Menschen im Umfeld zu informieren, unter anderem auch darüber, welche Fähigkeit das Kind gerade erlernt. Und gleichzeitig zu schauen, wie verhält sich das Kind im Unterricht oder beim Spielen in Kindergarten oder Kita. Entsprechendes Feedback, und zwar ebenso für die Pädagog:innen wie für das Kind, bringt alle weiter. Zudem wirkt es sich ausgesprochen positiv auf Kinder und Jugendliche aus, proaktiv Dinge anzugehen oder anzusprechen. Das ist selbstbestimmt und verstärkt das wachsende Selbstvertrauen dieser Kinder und Jugendlichen und zeugt von deren zunehmendem Selbstbewusstsein.
... und ebenso die Eltern ein
Die Eltern sind von Anfang an und zu jeder Zeit Teil der Intervention. Sie werden ressourcenorientiert und wertschätzend mit ins Boot geholt. Sie haben die Möglichkeit, Einzeltermine ohne das Kind zu bekommen; Eltern können zu Beginn jedes Termins bei Ergotherapeut:innen dabei sein, sind es aber auf jeden Fall immer am Ende einer Behandlungseinheit. Die Kinder können dann dem Elternteil, das sie abholt zeigen, was sie gemacht haben und was gut geklappt hat. "Das sind zudem häufig Momente, um Modelllernen anzuwenden", bestätigt Heike Musa, die im Folgenden erklärt, wie dies funktioniert. Mitunter sind die Kinder am Ende einer Behandlungseinheit erschöpft, überdreht oder einfach nur "durch" und drehen dann nochmal besonders auf oder legen etwa impulsive Verhaltensweisen an den Tag. Das ist eine gute Gelegenheit für Ergotherapeut:innen, mit dem Kind zu interagieren und auf diesem Weg Eltern beobachten zu lassen, wie sie selbst sich in ähnlichen Situationen verhalten könnten. Loben und Anerkennen hat einen großen Stellenwert bei Ergotherapeut:innen und findet immer dann statt, wenn ein Erfolg - und sei er noch so klein - zu sehen ist. Ist das Ziel einer ergotherapeutischen Intervention erreicht, wird dieser wirklich große Erfolg gefeiert, sprich besonders gewürdigt. Loben und Würdigen ist im Übrigen für Eltern ebenfalls eine gute, die Kinder motivierende Verhaltensweise. Auch das das Programm "Ich schaffs" sieht vor: sich "feiern" und "feiern" lassen für alles Erreichte. Doch damit ist das Programm noch nicht zu Ende. Als vorletzten Schritt im Programm dürfen die Kinder die neu erworbene Fähigkeit einem anderen Kind beibringen. Das ist eine ganz besondere Auszeichnung und wer könnte entsprechend dem Motto des Weltkindertags besser gerüstet sein für eine starke Zukunft als diese Kinder und Jugendlichen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache in Deutschland. Gleichzeitig zählt Bewegungsmangel zu den größten beeinflussbaren Risikofaktoren. Anlässlich des Welt-Physiotherapie-Tages am 8. September 2026 macht Physio Deutschland darauf aufmerksam, wie wichtig regelmäßige Bewegung für die Herzgesundheit ist – und welchen Beitrag Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten leisten, um Menschen langfristig in Aktivität zu bringen.
Ob Treppensteigen statt Aufzugfahren, der tägliche Spaziergang oder ein regelmäßiges Bewegungsprogramm: Schon kleine Veränderungen im Alltag können positive Auswirkungen auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel haben. Wissenschaftliche Studien belegen, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann.
Bewegung schützt das Herz
„Was nicht gebraucht wird, verkümmert. Letztlich nicht nur die Muskeln, sondern auch das Herz- und Gefäßsystem“, erklärt Andreas Fründ, Physiotherapeut, ehemaliger Leiter der Abteilung Physiotherapie am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, dem größten deutschen Herztransplantationszentrum, und langjähriger Leiter der Arbeitsgemeinschaft Herz-Kreislauf von Physio Deutschland. „Wir haben uns angewöhnt, im Alltag Bewegung zu sparen. Dabei können oft schon einfache Entscheidungen wie Treppe statt Fahrstuhl oder Fahrrad statt Auto einen Unterschied machen.“ Besonders tückisch sei, dass wichtige Risikofaktoren häufig lange unbemerkt bleiben. „Schwierig sind die stummen oder falsch interpretierten Signale“, sagt Andreas Fründ. „Bluthochdruck oder ein nicht optimal eingestellter Typ-2-Diabetes werden oft unterschätzt, obwohl sie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöhen können.“ Fachgesellschaften empfehlen für Erwachsene nindestens 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche in moderater Intensität. Auch die Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterstreichen die Bedeutung regelmäßiger körperlicher Aktivität (Für Fachkräfte: Empfehlungen in der „ESC Pocke Guidelines-App“ verfügbar.)
Dabei kommt es nicht auf sportliche Höchstleistungen an, sondern auf Regelmäßigkeit. Besonders wirksam ist die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. Geeignet sind beispielsweise zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Tanzen, ergänzt durch einfache Übungen zur Kräftigung großer Muskelgruppen. „Die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation empfiehlt fünfmal pro Woche 30 bis 45 Minuten moderaten Sport. Ich nenne das ,laufen ohne zu schnaufen‘ “, erklärt Andreas Fründ. „Was dabei manchmal vergessen wird, ist das Krafttraining. Auch das sollte nicht vernachlässigt werden.“
Physiotherapie begleitet in ein aktiveres Leben
Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten unterstützen Menschen dabei, einen individuell passenden Weg zu mehr Bewegung zu finden. Ihr Ziel ist es, Menschen zu befähigen, dauerhaft körperlich aktiv zu sein – unabhängig davon, ob sie präventiv etwas für ihre Gesundheit tun möchten oder bereits Risikofaktoren mitbringen. „Die Physiotherapie unterstützt Menschen hin zur Aktivität. Wir sind die Bewegungsspezialisten. Wir erarbeiten mit den Patientinnen und Patienten Wege weg von der Therapie auf der Behandlungsbank hin zur Aktivierung“, betont Andreas Fründ. „Gerade Menschen, die lange keinen Sport getrieben haben, profitieren von einer professionellen Begleitung und einem schrittweisen Einstieg.“ Für einen erfolgreichen Start empfiehlt Physio Deutschland zudem, sich Unterstützung zu suchen und vorhandene Vorsorge- und Screening-Angebote zu nutzen.
„Ich finde es wichtig, dass man sich Verbündete sucht“, sagt Andreas Fründ. „Das können Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sein, aber auch Familie, Freunde oder Bewegungsgruppen. Das Tempo sollte so gewählt werden, dass man sich noch gut unterhalten kann.“
Anlässlich des Welt-Physiotherapie-Tags ruft Physio Deutschland dazu auf, Bewegung als festen Bestandteil des Alltags zu verstehen. Denn Herzgesundheit beginnt nicht erst in der Rehabilitation, sondern mit regelmäßiger Aktivität im täglichen Leben.