

Rückenschmerzen sind nach wie vor die häufigste Form chronischer Schmerzen in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) nutzt den Tag der Rückengesundheit am 15. März, um für eine bessere Prävention und Versorgung zu sensibilisieren. Dr. Richard Ibrahim, Orthopäde, Schmerzmediziner und DGS-Präsident, erklärt, warum der Weg von der Hausarztpraxis zu spezialisierten Medizinern entscheidend ist – und warum moderne Schmerztherapie heute weit mehr ist als Tabletten und Operationen.
Frage: Herr Dr. Ibrahim, was sind derzeit die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen?
Dr. Richard Ibrahim: Rückenschmerz ist ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen. Von Muskel- und Gelenkproblemen bis hin zu Veränderungen im Bereich des Spinalkanals kann vieles eine Rolle spielen. Zuletzt sahen wir vor allem unfallbedingte Rückenschmerzen – etwa durch Stürze beim Wintersport oder auf vereisten Wegen. Wenn man nicht richtig reagiert, können daraus leider schnell chronische Beschwerden werden.
Frage: Ab wann spricht man von chronischem Rückenschmerz – und was bedeutet das für Betroffene?
Dr. Richard Ibrahim: Chronisch bedeutet zunächst nur, dass Schmerzen länger als drei bis sechs Monate bestehen. Das ist keine Prognose, sondern eine zeitliche Definition. Entscheidend ist, dass in dieser Phase neben körperlichen Faktoren auch Schlafstörungen, Stress, Ängste oder depressive Verstimmungen eine Rolle spielen. Schmerz entwickelt sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild. Deshalb braucht es eine multimodale Therapie, die Bewegung, medizinische Behandlung und psychologische Aspekte kombiniert.
Frage: Wann reicht die Behandlung durch Haus- oder Fachärzte nicht mehr aus?
Dr. Richard Ibrahim: Das Versorgungssystem ist sinnvoll gestuft aufgebaut. Aber wenn Schmerzen chronisch werden und Standardtherapien nicht greifen, sollte eine spezialisierte Schmerztherapie erfolgen. Hier kommen auch Fachärzte an ihre Grenzen, daher sollte man sich zu einem Arzt oder einer Ärztin mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ überweisen lassen. Dort stehen deutlich erweiterte Therapieoptionen zur Verfügung – etwa spezialisierte medikamentöse Strategien, interventionelle Verfahren oder strukturierte multimodale Programme.
Frage: Wann ist eine Operation nötig? Und wie findet man Spezialisten?
Dr. Richard Ibrahim: Akute Fälle mit Warnsignalen wie Lähmungen, Schwäche in den Beinen oder Entzündungen erfordern rasches Handeln. In solchen Fällen kann eine Operation notwendig sein, um dauerhafte Schäden zu vermeiden. Bei chronischen Rückenschmerzen gilt jedoch: Zunächst werden alle konservativen und multimodalen Therapieoptionen ausgeschöpft. Schmerzmedizin arbeitet interdisziplinär – wir stimmen uns eng mit Orthopädie, Neurochirurgie, Psychologie und weiteren Fachrichtungen ab. Eine operative Maßnahme erfolgt nur dann, wenn sie medizinisch wirklich indiziert ist und im gemeinsamen Konsens aller beteiligten Disziplinen sinnvoll erscheint.
Frage: Viele Betroffene wünschen sich vor allem eines – schmerzfrei zu sein. Wie realistisch ist das?
Dr. Richard Ibrahim: Der Wunsch nach Schmerzfreiheit ist absolut verständlich. Unser Ziel ist es jedoch in vielen Fällen zunächst, Schmerz zu reduzieren und Funktion wiederherzustellen. Chronischer Schmerz lässt sich nicht immer „wegoperieren“ oder „wegmedikamentieren“. Entscheidend ist, dass Patienten wieder aktiv werden, Bewegung nicht aus Angst vermeiden und lernen, mit dem Schmerz umzugehen, ohne dass er ihr Leben bestimmt.
Frage: Welche Rolle spielen KI und digitale Gesundheitsanwendungen dabei?
Dr. Richard Ibrahim: Digitale Tools sind eine wichtige Ergänzung. In der ärztlichen Sprechstunde bleibt oft wenig Zeit für ausführliche Erklärung oder wiederholte Anleitung. Rückenschmerz-Apps auf Rezept, Podcasts oder virtuelle Anwendungen ermöglichen es, Inhalte zu vertiefen, Übungen regelmäßig durchzuführen und Ängste vor Bewegung abzubauen. KI erkennt dabei Fehlhaltungen und passt Übungen individuell an. Die digitalen Hilfsmittel ersetzen keine ärztliche Behandlung – aber sie unterstützen sie. Gerade bei chronischen Rückenschmerzen kann das helfen, langfristig Verhaltensänderungen zu stabilisieren.
Frage: Wo finden Betroffene Orientierung?
Dr. Richard Ibrahim: Informationen bietet die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin über ihre Website (www.dgschmerzmedizin.de) und ihre Landeszentren in allen Bundesländern. Haus- und Fachärzte können zudem gezielt an spezialisierte Schmerzmediziner überweisen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden in Deutschland – und kaum ein Bereich ist so stark von Mythen und Halbwahrheiten begleitet wie der Rücken. Zum Tag der Rückengesundheit am 15. März 2026 möchte Physio Deutschland wissenschaftlich fundiert mit weitverbreiteten Irrtümern aufräumen.
Warum Aufklärung wichtig ist
Rückenschmerzen betreffen Menschen aller Altersgruppen und gehören weltweit zu den führenden Gründen für Arbeitsausfälle und eingeschränkte Lebensqualität. Trotzdem lassen sich die meisten Beschwerden weder auf schwere Schäden noch auf akute Verletzungen zurückführen. Tatsächlich sind unspezifische Rückenschmerzen – also Schmerzen ohne eindeutige strukturelle Ursache – mit Abstand am häufigsten. Aktuelle Leitlinien belegen, dass die Beschwerden durch in
Zusammenspiel aus körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren entstehen können. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass sich die meisten Betroffenen gut erholen, wenn sie frühzeitig aktiv bleiben, Bewegung in den Alltag integrieren und Unterstützung im Selbstmanagement erhalten. Eine reine Fokussierung auf Gewebeschäden, Abnutzung oder Bildgebung greift hingegen zu kurz und verunsichert viele Menschen unnötig.
Physiotherapeut*innen arbeiten deshalb zunehmend mit einem bio-psycho-sozialen Ansatz, der körperliche Faktoren, Stress, Schlaf, Lebensstil und Bewegungsverhalten gleichermaßen berücksichtigt. Physiotherapeutin Vera Schwermer-Funke aus der Arbeitsgemeinschaft Prävention von Physio Deutschland betont: „Unser Ziel ist es, Ängste abzubauen, Patient*innen zu stärken und ein nachhaltiges, gesundes Bewegungsverhalten im Alltag zu etablieren. Wissen, gezielte Bewegung und der Aufbau von generalisierten Gesundheitsressourcen bilden dabei die zentralen Elemente einer erfolgreichen Rückentherapie.“
Durch verständliche Aufklärung und praxisnahe Anleitung werden Betroffene befähigt, ihre Beschwerden aktiv zu beeinflussen und langfristig eigenverantwortlich zu handeln. Physiotherapeut*innen nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein: Als Multiplikator*innen für evidenzbasiertes Wissen tragen sie dieses an unterschiedliche Zielgruppen weiter, fördern Gesundheitskompetenz und unterstützen Patient*innen dabei, Sicherheit im Umgang mit ihrem Körper zu entwickeln. „Die Wirbelsäule ist robust, anpassungsfähig und dafür gemacht, bewegt zu werden“, sagt Vera Schwermer-Funke. Vor diesem Hintergrund räumt Physio Deutschland mit fünf populären Mythen auf – erklärt und informiert darüber, was heute wirklich als evidenzbasiert gilt.
Mythen auf der Spur
Mythos 1: „Wenn mein Rücken stark schmerzt, muss etwas ernsthaft kaputt sein.“Ein häufiger Irrtum: Viele Menschen glauben, Schmerzen seien direkt mit Gewebeschäden gleichzusetzen. Doch Studien zeigen, dass selbst etwa 85 Prozent der akuten oder starken Rückenschmerzen in der Regel keine ernsthafte oder gefährliche Schädigung bedeuten. „Schmerz ist komplex, oft ein sogenanntes multifaktorielles Geschehen und kein zuverlässiger Gradmesser dafür, ob und wie stark der Rücken strukturell betroffen ist“, erklärt Vera Schwermer-Funke.
Mythos 2: „Bettruhe ist das Beste bei Rückenschmerzen.“ Lange Zeit galt Schonung als erste Wahl – heute weiß man es besser. Zwar können kurze Ruhephasen direkt nach einer akuten Überlastung entlastend wirken, doch längere Bettruhe und Inaktivität können Beschwerden verlängern. Eine schrittweise, moderate Rückkehr zu Aktivität und Bewegung beschleunigt nachweislich die Genesung und wirkt einer Chronifizierung entgegen. Schwermer-Funke: "Bewegung und angepasstes Training hilft dem Rücken und dem gesamten Körper, baut Vertrauen in die eigene Belastbarkeit wieder auf und vermittelt Sicherheit.“
Mythos 3: „Ein MRT zeigt mir, was wirklich mit meinem Rücken los ist.“ Moderne Forschung zeigt klar: Bildgebende Verfahren wie Kernspintomografie (MRT) oder Röntgen sind bei den meisten Rückenschmerzpatient*innen nicht hilfreich. Viele angeblich „auffällige Befunde“, darunter Bandscheibenveränderungen oder Arthrose, kommen ganz normal auch bei Menschen ohne Beschwerden vor. „Bilder erklären selten den Schmerz. Man weiß dann nur, wie es im ‚Inneren‘ aussieht. Aber das sagt alleine nichts über die Symptome aus. Manchmal bringt das Wissen darüber auch neue Ängste und Symptome hervor“, so Vera Schwermer-Funke und ergänzt: „Entscheidend sind Funktionsfähigkeit, Bewegung und das, was Patienten im Alltag tatsächlich erleben.“
Mythos 4: „Bücken und Heben sind gefährlich für den Rücken.“ Der Rücken ist äußerst belastbar und anpassungsfähig. Es gibt keine gesicherten Hinweise, dass normales Bücken oder Heben langfristige Schäden verursacht. Die Wirbelsäule ist für vielfältige Belastungen ausgelegt, und gezieltes Training verbessert die Fähigkeit, auch schwerere Lasten sicher zu bewegen. „Es gibt keine verbotenen Bewegungen – nur ungewohnte. Regelmäßiges Training macht sie leichter. Patient*innen sollen sich sorglos bewegen und nicht in Angst verfallen und sich versteifen“, betont Vera Schwermer-Funke.
Mythos 5: „Nur Schmerzmittel oder eine Operation helfen wirklich.“ Wissenschaftlich ist belegt, dass starke Schmerzmittel die Erholung nicht beschleunigen, und Operationen bei unspezifischen Rückenschmerzen selten notwendig sind. Stattdessen empfehlen Leitlinien Selbstmanagement, Bewegung, Physiotherapie und gezieltes Training als wirksamste Maßnahmen – mit deutlich geringerem Risiko. Schmerzmittel können kurzfristig unterstützen, beschleunigen aber die Genesung nicht. „Aktive Therapieansätze wirken besser als passive“, fasst Vera Schwermer-Funke zusammen.
Fazit: Mit Aufklärung den Rücken stärken
Physio Deutschland ruft zum Tag der Rückengesundheit dazu auf, Rückenschmerzen mit fundiertem Wissen zu begegnen. Wer Mythen hinter sich lässt und moderne, evidenzbasierte Empfehlungen berücksichtigt, stärkt nicht nur seinen Rücken, sondern auch das Selbstvertrauen in den eigenen Körper.
Musik an, Alltag aus. Kaum etwas bringt Menschen so mühelos in Bewegung wie ein guter Rhythmus. „Tanzen ist Emotion – und ich liebe Emotion“, bringt es Ross Antony, Promi-Kandidat in der aktuellen Staffel der beliebten Tanzshow Let’s Dance, im Video-Interview mit RTL auf den Punkt. Kein Wunder also, dass in Deutschland mehr als 200.000 Menschen in 2.000 Vereinen das Tanzbein schwingen – vom Freizeit- bis zum Leistungssport. „Tanzen ist Lebensfreude pur – wer tanzt, spürt den Moment, lässt den Alltag los und findet zu sich selbst“, bestätigt auch Gaby Michel-Schuck vom Deutschen Tanzsportverband (DTV). „In unseren Vereinen erleben wir täglich, wie Tanzen Menschen jeden Alters selbstverständlich in Bewegung bringt, weil es Emotion und Gemeinschaft auf einzigartige Weise verbindet.“ Unter dem Motto „Rück’n’Roll – Bring Bewegung in dein Leben“ ruft die Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V. als Initiatorin des Tags der Rückengesundheit gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e.V. am 15. März dazu auf, den Spaß an der Bewegung neu zu entdecken. Bundesweit laden neben zahlreichen Tanzschulen auch Rückenschulen, Praxen und Fitnessstudios zu Mitmachaktionen, Vorträgen und Workshops ein.
Mehr als 60 Prozent der Deutschen sind laut Robert Koch-Institut mindestens einmal im Jahr von Rückenschmerzen betroffen, über 15 Prozent leiden an chronischen Rückenschmerzen. Mehr Bewegung im Alltag wäre laut Expertinnen und Experten die beste und einfachste Form der Vorbeugung, auch gegen viele andere Erkrankungen. Studien zeigen: Schon 75 Minuten Bewegung pro Woche bei leichter bis mittlerer Intensität können einen gesundheitlichen Nutzen bringen.: „Tanzen ist dafür ideal, weil es einfach Spaß macht. So wird körperliche Aktivität im Alltag von der Pflicht zur persönlichen Auszeit“, betont Ulrich Kuhnt, Vorsitzender im Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e.V.
Tanzen trainiert den Rücken ganz nebenbei
Ob Tango, Walzer, Hip-Hop oder auch Freestyle in Club oder Disco: Tanzen eignet sich für jedes Alter und jedes Fitnesslevel – im Verein, im Tanzkurs, bei einer Veranstaltung oder einfach zu Hause zur Lieblingsmusik. Wer gerne tanzt, absolviert damit unbewusst ein abwechslungsreiches Ganzkörpertraining. Drehungen, Gewichtsverlagerungen und fließende Bewegungen aktivieren und stärken die Rumpf- und Rückenmuskulatur, fördern Koordination, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung und wirken so Rückenproblemen langfristig entgegen. Gleichzeitig verbessert Tanzen die Haltungsstabilität und hilft, Verspannungen und Schmerzen vorzubeugen, weil viele Muskelgruppen gleichmäßig aktiviert werden.
Tanzen ist die beste Medizin
„Tanzen ist eine der wenigen Bewegungsformen, die Körper, Gehirn und Psyche gleichzeitig trainieren“, sagt Kuhnt. Entsprechend umfassend sind die gesundheitlichen Effekte: Tanzen schützt nicht nur vor Muskel- und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen, sondern stärkt auch Herz und Kreislauf, verbessert den Blutzuckerstoffwechsel, unterstützt bei Gewichtsproblemen, wirkt stimmungsaufhellend und stressreduzierend. Zudem fördert es Balance und Reaktion und kann so Stürzen im Alter vorbeugen. Bei Parkinson, Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen wird Tanzen sogar gezielt zur Prävention und Therapieergänzung eingesetzt, weil es Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Koordination trainiert und soziale Kontakte fördert.
Jeder kann Schwung in seinen Alltag bringen
„Einfacher geht es nicht: Musik einschalten, ein paar Schritte tanzen, zwischendurch in Bewegung kommen – all das kann helfen, den Rücken zu entlasten“, sagt Kuhnt. Rund um den 15. März 2026 finden bundesweit zahlreiche Aktionen statt, bei denen Interessierte verschiedene Bewegungsangebote ausprobieren können. Rückenschulen, Praxen, Vereine sowie Fitnessstudios und Tanzschulen laden zu Workshops, Schnupperkursen und Mitmachaktionen ein. Eine Übersicht der Veranstaltungen bietet der Online-Kalender unter www.agr-ev.de/tdr. Die AGR stellt dort auch kostenloses Informationsmaterial bereit – darunter eine Broschüre mit praxisnahen Tipps und wissenschaftlich fundierten Hintergrundinformationen rund um Rückengesundheit und Bewegung.
Wenn es um eine Schulteroperation geht, unterscheiden sich die Erwartungen von Frauen und Männern deutlich. Männer möchten nach dem Eingriff vor allem wieder Sport treiben, Frauen wünschen sich in erster Linie, ihren Alltag selbstständig bewältigen zu können. Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März macht die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) darauf aufmerksam, dass solche Unterschiede in der Medizin stärker berücksichtigt werden müssen.
„Geschlechtersensible Medizin ist kein Zusatzthema, sondern ein Qualitätsmerkmal moderner Versorgung von Männern und Frauen“, sagt Dr. Jörn Dohle, stellvertretender Präsident der DGOU. „Unterschiedliche Erwartungen und biologische Besonderheiten müssen sich in Forschung, Leitlinien, Prävention und Therapieplanung widerspiegeln.“
So gaben in einer Studie 67 Prozent der Männer an, die Rückkehr zur Sportfähigkeit habe für sie oberste Priorität. Ebenso viele Frauen nannten die selbstständige Durchführung von Haushaltstätigkeiten und Alltagsfunktionen als wichtigstes Ziel. Beide Geschlechter betonten zudem die Bedeutung schmerzfreier Nächte1. „Meine Erfahrung ist, dass Frauen im Allgemeinen eher zurückhaltende Erwartungshaltungen äußern und oft das Wiedererlangen der Funktionalität im sozialen Gefüge, also das ,Funktionieren für andere' im Vordergrund steht“, sagt PD Dr. Natascha Kraus-Spieckermann, Präsidentin der DGOU-Sektion D-A-CH Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie (DVSE).
Doch nicht nur die Erwartungen, auch die Erkrankungen selbst unterscheiden sich. Schulterinstabilitäten betreffen überwiegend jüngere Männer: 72 bis 82 Prozent der Betroffenen sind männlich². Beide Geschlechter zeigen einen Häufigkeitsgipfel zwischen 20 und 29 Jahren. Frauen allerdings weisen einen zweiten Gipfel zwischen 70 bis 79 Jahren³ auf. Die Ursachen sind bislang nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden altersbedingte Muskelatrophie, Veränderungen im Bindegewebe sowie hormonelle Einflüsse.
Noch deutlicher werden die Unterschiede bei der Frozen Shoulder, der sogenannten Schultersteife oder der Kalkschulter: Frauen sind hier drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer. Auffällig ist ein Anstieg in der Zeit vor und während der Wechseljahre. Aktuelle Studien untersuchen, welche Rolle hormonelle Veränderungen dabei spielen, insbesondere der Östrogenhaushalt⁴. „Viele Zusammenhänge sind noch nicht vollständig geklärt. Das spricht dafür, dass wir den Östrogenhaushalt und andere systemische Faktoren stärker in den Blick nehmen müssen. Wenn wir diese Mechanismen besser verstehen, können wir Therapien gezielter anpassen und Patientinnen früher und individueller unterstützen“, sagt Kraus-Spieckermann.
Daher betont Dr. Rebecca Sänger, Leiterin der DGOU-Arbeitsgemeinschaft Geschlechtersensible Medizin: „Geschlechterunterschiede prägen Erwartungen, Erkrankungshäufigkeit und Therapieergebnisse – und dennoch orientiert sich ein Großteil der medizinischen Forschung bis heute am männlichen Standard. Das wird der Versorgungsrealität von Frauen nicht gerecht. Wenn wir Präzisionsmedizin ernst meinen, müssen geschlechterspezifische Daten konsequent erhoben, ausgewertet und in Leitlinien umgesetzt werden.“
Die DGOU setzt sich ein für:
• eine stärkere Berücksichtigung biologischer und sozialer Geschlechtsunterschiede in Studien
• die systematische Auswertung geschlechtsspezifischer Daten in Registern
• die gezielte Förderung gendersensibler Forschung in Orthopädie und Unfallchirurgie
Viele Schultererkrankungen lassen sich zunächst ohne Operation behandeln – etwa mit Schmerztherapie, Physiotherapie, Injektionen oder Stoßwellentherapie. Wenn ein Eingriff notwendig ist, erfolgt er heute meist minimalinvasiv in Schlüssellochtechnik. Bei fortgeschrittener Arthrose kommen moderne Endoprothesen zum Einsatz. „Doch moderne Schultermedizin bedeutet mehr als Technik. Sie bedeutet, individuelle Ziele ernst zu nehmen“, sagt Kraus-Spieckermann.
Referenzen:
1. Jawa et al. Gender differences in expectations and outcomes for total shoulder arthroplasty: a prospective cohort study. J Shoulder Elbow Surg (2016) 25, 1323-1327
2. DeFroda et al. Shoulder Instability in Women Compared with Men: Epidemiology, Pathophysiology, and Special Considerations. JBJS reviews (2019); 7 (9):e10
3. Kroner et al. The epidemiology of shoulder dislocations. Arch Orthop Trauma Surg 1989; 108: 288-290
4. Navarro-Ledesma 2024/2025; Wang et al. 2025; Harvie et al. 2007